Fashion

Interview mit deepmello: Was macht Rhabarberleder so besonders?

Von Haus aus ist Anne-Christin Bansleben eigentlich Ernährungswissenschaftlerin. Zusammen mit ihren Kollegen hat sie ein Verfahren entwickelt, um Leder umweltschonend mit Rhabarber zu gerben. Aus einer wissenschaftlichen Erkenntnis istinzwischen das erfolgreiche und nachhaltige Modelabel deepmello geworden. Im Interview erklärt die Gründerin, was Rhabarberleder so besonders macht?

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, Rhabarber zur Leder-Gerbung zu nutzen?

Anne von Deepmello: deepmello entstand aus der Wissenschaft. Wir haben einige Jahre in der gleichen Forschungsgruppe zusammen gearbeitet und uns mit „Rhabarber“ beschäftigt. Unser Ansatz war zu Beginn also ein rein wissenschaftlicher. Wir wussten, dass in der Rhabarberwurzel Stoffe enthalten sind, mit denen eine Gerbung von Leder möglich ist. Während den Forschungsarbeiten haben wir gemerkt, dass die Möglichkeit geschaffen werden muss, um auf pflanzlicher Basis Leder zu gerben. Die sollte eine Alternative zur umwelt- und gesundheitsschädlichen Ledergerbung mit Chrom sein. So ist letztlich aus der Idee ein Produkt entstanden.

 

Zwischen Laufsteg und Labor liegen ja Welten. Warum habt ihr euch entschlossen, aus der Idee eine Modelabel zu machen?

Anne von Deepmello: Die jahrelange Arbeit in der Forschung hat uns gezeigt, dass es immer wieder innovative Entdeckungen und Erfindungen gibt, die leider nie den Weg in die Praxis finden. Das sollte mit unserer Idee nicht passieren. Darum haben wir uns entschlossen, ein Unternehmen zu gründen. Anfangs haben wir auch nur das Rhabarber-gegerbte Leder vertrieben, die Idee mit eigenen Taschen und Accessoires folgte erst später. Heute vertreiben wir unser Leder weltweit und vermarkten unsere Produkte.

 

Kannst du einmal die genauen Unterschiede zwischen eurem und konventionell gegerbtem Leder erklären?

Anne von Deepmello: Im Gegensatz zu konventionell gegerbtem Leder verzichten wir bei der Herstellung unseres Leders auf Chromsalze. Chrom ist ein Schwermetall und in der Umwelt nicht abbaubar. Knapp 90 Prozent aller Leder sind bislang noch chromgegerbt und werden zum Großteil in Asien hergestellt. Die dortigen Arbeitsbedingungen sind für die Arbeiter äußerst gefährlich und schädlich. Aber nicht nur für die Menschen, die Chromleder herstellen, stellt es ein Gesundheitsrisiko dar. Auch Verbraucher können von der schädigenden Wirkung des Chrom VI – ein Nebenprodukt, das bei der Ledergerbung entsteht – betroffen sein. Durch unser schonendes Gerbverfahren ist das Leder auch für Allergiker, besonders empfindliche Personen und sogar für Babys geeignet.

 

Wofür kann euer Leder genutzt werden?

Anne von Deepmello: Im Prinzip lässt sich unser Leder genauso gut einsetzen wie herkömmlich gegerbtes Leder. Unsere Kunden sind Schuhmacher genau wie Interior-Designer oder Modemacher. Sie müssen nicht einmal ihre Maschinen für unser Leder umstellen. Das schätzen auch immer mehr konventionelle Marken, die ihre Produktion überdenken und verändern wollen. Hier sind wir im engen Austausch und entwickeln gemeinsam fleißig Produkte.

 

Kommen wir mal zu eurer Produktion. Ich habe gelesen, dass ihr zu 100 Prozent in Deutschland produziert?

Anne von Deepmello: Genau, das beginnt schon beim Rhabarber. Der wird in Deutschland angebaut und dann nach unserer Rezeptur verarbeitet. Für das Leder nutzen wir nur Häute von deutschem Nutz- und Fleischvieh. Keins dieser Tiere wurde nur für seine Haut gehalten, wir verwenden ausschließlich die Abfallprodukte. Auch die Gerbung findet hierzulande statt. So können wir sicher gehen, dass unsere Vorstellungen in Sachen Qualität und Arbeitsstandards auch eingehalten werden.

 

Sind Nachhaltigkeit und Made in Germany ein gutes Verkaufsargument?

Anne von Deepmello: Ich denke schon. Viele Kunden legen inzwischen mehr Wert auf eine nachhaltige Produktion und hochwertige Materialien. Auch die Verträglichkeit mit Allergien ist ein wichtiges Argument für unsere Produkte. Natürlich verkauft sich Nachhaltigkeit allein nicht, auch das Design muss stimmen.

 

Nun liegen eure Ursprünge in der Wissenschaft und nicht in der Modebranche. Gab es in Sachen Design großen Nachholbedarf?

Anne von Deepmello: Wir haben schon klare Vorstellungen zu unseren Produkten. Bei der Umsetzung unterstützen uns trotzdem professionelle Designer, deren Arbeiten wir besonders schätzen.

 

Welche nächsten großen Ziele stehen an?

Anne von Deepmello: Wir entwickeln die Eigenschaften unseres Leder ständig weiter. Zum Beispiel werden in diesem Jahr drei neue Farben auf den Markt kommen. Auch bei den Oberflächen wollen wir nachlegen. Zusätzlich wollen wir unsere Kollektionen noch weiter ausbauen. Zusätzlich beschäftigen wir uns weiter mit der Rhabarberpflanze. Wir entwickeln zum Beispiel gerade eine Naturkosmetik-Linie auf Rhabarber-Basis.

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Bilder: Copyright Deepmello